Erkan Dinar

Ein Mafia-Pate auf Rache-Feldzug!

Ein Mafia-Pate auf Rache-Feldzug!

Der türkische Mafia-Pate Sedat Peker, in München aufgewachsen, ist auf einem Rachefeldzug, weil Polizisten bei einer Razzia eine von seinen Töchtern mit gezogener Waffe verängstigten. In Videos droht er nun damit Informationen über den “Tiefen Staat” der Türkei zu veröffentlichen. Einem AKP-Abgeordneten wirft er u.a. Vergewaltigung und Beteiligung am Tod einer Reporterin vor.

Der genaue Aufenthaltsort von Sedat Peker ist unbekannt. Im Januar 2021 wurde er aus Nordmazedonien in den Kosovo abgeschoben. Gegen seine derzeitige vermeintliche Organisation fanden im April 2021 landesweit 121 koordinierte Hausdurchsuchungen in der Türkei statt. Mindestens 54 Personen wurden festgenommen.

Bei der Razzia in seiner Villa im Istanbuler Stadtteil Beykoz soll seine Ehefrau und Anwältin Özge Yilmaz misshandelt worden sein. Außerdem habe eine seiner Töchter nun Angstzustände, weil sie von einem Polizisten mit gezogener Waffe bedroht wurde. Für die Tochter will er nun die Welt auf seinem Rache-Feldzug verbrennen und kündigt an über die Verstrickungen des türkischen Staates mit der kriminellen Unterwelt auspacken zu wollen.

Mit ein Grund für die Videos dürfte wohl auch sein, dass er die Befürchtung hat, durch Auftragsmörder beseitigt werden zu können. Die nun erzeugte Aufmerksamkeit soll ihn wohl schützen helfen.

Der mysteriöse Tod von Yeldana Kaharman

Am 28. März 2019 wurde die Kanal 23 – Reporterin Yeldana Kaharman (21) von einer Freundin tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Am Vortag soll sie ein Interview mit dem AKP-Abgeordneten Tolga Ağar aus Elazığ gehabt haben. Peker behauptet nun in einem Video in den sozialen Netzwerken, dass die Reporterin den Abgeordneten Tolga Ağar wegen Vergewaltigung angezeigt haben soll. Die Anzeige sei jedoch durch die Militärpolizei zerrissen worden.

Der Beschuldigte ist der Sohn vom früheren Justiz- und Innenminister Mehmet Ağar. Dieser wurde im September 2011 wegen Verstrickungen in die kriminelle Unterwelt im sogenannten “Susurluk-Skandal” zu einer Haftstrafe von 5 Jahren verurteilt. Nach nur einem Jahr Haft durfte er im April 2013 das Gefängnis wieder verlassen.

In dem Ort Susurluk ereignete sich am 3. November 1996 ein Verkehrsunfall. Unter den Todesopfern Hüseyin Kocadağ (stellv. Polizeipräsident von Istanbul), Abdullah Çatlı (Führungsmitglied der rechtsradikalen Grauen Wölfe und gesuchter Drogenhändler sowie Auftragsmörder) und seine Freundin Gonca Us (Ex-Schönheitskönigin). Der Abgeordnete Sedat Edip Bucak (Großgrundbesitzer und Führer von paramilitärischen Dorfschutz-Einheiten) von der damaligen Regierungspartei DYP (Partei des Rechten Weges) überlebte den Unfall.

In einem Report von Human Rights aus dem Jahr 1998 heißt es: “Dieser Unfall deckte die Zusammenarbeit und gemeinsamen Interessen von rechtsextremen Gewalttätern, die aufgrund politischer Verbrechen gesucht wurden, in mafiösen Aktivitäten involviert waren und die die Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) unterstützten, einerseits, und hochrangigen Verwaltungsbeamten, Polizeiführungskräften, Spezialeinheiten, bekennenden Militanten und Dorfschützern andererseits auf.

Eine Bekanntschaft zwischen Sedat Peker und Mehmet Ağar scheint also zumindest möglich.

Zum Fall der jungen Reporterin wurde im Februar 2020 eine Nachrichtensperre verhängt. Am 24. März 2021 wurde eine weitere Nachrichtensperre zu Artikeln über die Nachrichtensperre angeordnet. In beiden Fällen wurde die “Verletzung von Persönlichkeitsrechten” als Begründung genannt.

Kokain-Lieferungen aus Kolumbien

Im Juli 2020 wurden im Hafen von Buenaventura in Kolumbien über 4,9 Tonnen Kokain im Wert von 265 Mio. Dollar durch Spürhunde in Containern entdeckt. Sie sollten in die Türkei gehen. Auch hier soll laut Peker der “Tiefe Staat” unter dem ehemaligen Justiz- und Innenminister Mehmet Ağar der Empfängerkreis sein. Ein türkisches Chemieunternehmen hätte die Kokain-Lieferung im Hafen von Izmir entgegennehmen sollen. Tatsächlich wurde zu diesem Drogenfund in Kolumbien niemals Ermittlungen in der Türkei gestartet.

Schüsse unter Kokain

In der Villa vom Bauunternehmer Emir Sarıgül in Istanbul soll eine Kokain-Party stattgefunden haben. Tolga Ağar soll dort Nusret Gökçe, Inhaber der Nusr-Et – Restaurantkette, angerufen und bedroht haben. Dieser habe mit Beleidigungen geantwortet. In Rage habe der AKP-Abgeordnete daraufhin mehrere Schüsse mit einer Pistole abgegeben. Ermittlungen seien wieder von der Familie Ağar verhindert worden. Stattdessen hätte man den Fahrer von Mustafa Sarıgül (Ex-Bürgermeister vom Stadtteil Şişli) verhaften lassen. Dieser habe extra einen Schuss wegen Schmauchspuren abgeben müssen.

Augenzeuge soll auch Sezgin Baran Korkmaz (CEO der SBK Finanz-Holding) gewesen sein. Dieser befindet sich derzeit wegen dem Vorwurf der Geldwäsche von 132 Mio. Dollar auf der Flucht im Kongo.

Der Mafia-Pate Peker besteht auf die Überprüfung der Sendemast-Daten und will sich bei Wiederlegung einen Finger abschneiden, denn an diesem Tag sollen Cevdet Hürol Öztürk (stellv. Polizeichef im Stadtteil Küçükçekmece), Mehmet Sururi Saydam (Polizeichef im Stadtteil Beykoz) und Sunay Balıklıkaya (Polizeibehördenleiter im Istanbul Bezirk C) bei der Verschleierung in der Villa mitgeholfen haben.

In einer kurzen Stellungnahme hat der AKP-Abgeordnete Tolga Ağar bereits alle Vorwürfe abgestritten.

Wer ist Sedat Peker?

Der Mafia-Pate Sedat Peker wurde 1997 in einem Strafverfahren wegen Mordes an einem Schmuggler freigesprochen. Zwei seiner Männer mussten stattdessen ins Gefängnis. Im gleichen Jahr floh er als Anführer einer kriminellen Vereinigung nach Rumänien. Nach seiner freiwilligen Rückkehr bekam er u.a. wegen Schutzgelderpressung, Nötigung und Anstiftung zum Mord eine Haftstrafe von nur 8 Monaten und 29 Tagen. Hinter dieser geringen Strafe soll damals schon eine Beeinflussung durch Minister und Politiker der Mutterlandspartei (ANAP) gestanden haben. Das sagt Peker zumindest selber.

Im Januar 2007 wurde er wegen Bildung und Führung einer kriminellen Vereinigung, versuchten Raubes, Urkundenfälschung und Freiheitsberaubung in zwei Fällen zu 14 Jahren, fünf Monaten und zehn Tagen Freiheitsstrafe verurteilt. Bereits im März 2014 ist er frühzeitig aus der Haft entlassen worden. Vor dem Gefängnis wurde er bei seiner Entlassung wie ein Popstar von seinen Leuten empfangen und bejubelt.

Seit dieser Entlassung unterstützt er Präsident Erdoğan in der Öffentlichkeit. Die Familien von Peker und auch Erdogan sind beide aus der gleichen Stadt Rize am Schwarzen Meer. Nach dem misslungenen Putsch von 2016 gegen Erdoğan kündigte der Ultranationalist Peker an, im “Blut der Putschisten” baden zu wollen. Die schützende Hand vom Staatspräsidenten über den Netzwerken von Sedat Peker scheint trotzdem verschwunden zu sein. Als Folge hat sich nun wohl endgültig die Zunge vom Mafia-Paten im Exil gelöst.

In seinem nächsten Video will er über den bisher ungeklärten Mord am Journalisten Kutlu Adalı im Juli 1996 in Nordzypern sprechen.

Erkan Dinar

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